DIE ERMITTLUNG

 

Pressestimmen:
Tageszeitung Express
Stadtanzeiger 11.10.02

Kölnische Rundschau 16.10.02


Frankfurter Allgemeine Zeitung
Montag, 28. Oktober Feuilleton Seite 1

Die Ermittlung

Wenn das Theater in den Hörsaal zieht, sucht es sich für gewöhnlich Aufgaben, mit denen es sich selbst aufgibt. "Die Ermittlung" von Peter Weiss aber ist kein Theater: Das Oratorium in elf Gesängen, "Konzentrat", so der Autor, des Auschwitz-Prozesses, der von 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main stattfand, vergegenwärtigt das ungeheuerliche Verbrechen, das in Kunst zu übersetzen sich verbietet. Als es am 19. Oktober 1965 auf sechzehn Bühnen in West und Ost gleichzeitig uraufgeführt wurde, war das auch eine politische Leistung des Suhrkamp-Verlages, der, mit dem Abstand von genau zwanzig Jahren, über die Grenzen der Systemblöcke hinweg die Bühne als ein Ort der Aufklärung erneuerte, um dem öffentlichen Bewußtsein eine Injektion wider das Vergessen zu verpassen. Gerade jene Produktionen erwiesen sich damals als die eindringlichsten, die der Gewalt der Tatsachen vertrauten und sich der dramatischen Stilisierung enthielten. Heute, da der zeitliche Abstand zwischen Gegenwart und Uraufführung fast schon doppelt so groß ist wie der zwischen Prozess und Massenmord, gilt das wieder. Das jedenfalls demonstriert ein Versuch mit dem Stück, zu dem sich mehr als dreißig Schauspieler der Kölner Off-Theater- und Kabarett-Szene zusammengefunden haben. Den Anstoß dazu gab die jüngste "Antisemitismusdebatte", und es sind deren Floskeln, ob sie "nazistische Methoden" oder "man wird die Juden noch kritisieren dürfen" lauten, die "Die Ermittlung" der geheuchelten Gedankenlosigkeit überführt und denen sie den zeitgeschichtlichen Hintergrund einzieht. In der Regie von Hans Kieseier wird die szenische Lesung eines Konzentrat des "Konzentrats" - jeweils Montags und noch bis zum 16. Dezember - in der Universität gezeigt, und es ist dieser Ort, der Hörsaal XXV des WiSo-Gebäudes, der den Text nicht etwa didaktisch in Anspruch nimmt, sondern wie selbstverständlich und deshalb beunruhigend in unseren Alltag ragen läßt: Vorne, an einem Tisch frontal zum Auditorium, präsidieren Verteidiger, Richter, Ankläger, rechts von ihnen sind die neun - anonymen Zeugen gruppiert, und links steht die Bank, auf der die Angeklagten nacheinander verhört werden. In Straßenanzügen sitzen sie, als einzige mit Namensschildern an ihren Plätzen, hinten im Hörsaal, aus dem Kollektiv des Publikums treten sie heraus, um Auskunft zu geben über die Methoden der wirtschaftlichen Ausbeutung und der "verschärften Vernehmung", der sadistischen Ausfälle, des Folterns und Mordens, und weichen dabei immer wieder aus in die Glätte von Euphemismen, mit denen sie die Greuel und ihre Schuld zu verharmlosen versuchen. Es sind die Details, die, genau artikuliert, den Schrecken freisetzen, und es ist die Nähe zu Durchschnittsmenschen, so scheint es, die fähig sind, sich den inhumansten Verhältnissen anzupassen, und so das Funktionieren der Tötungsmaschinerie möglich machen, aus der die Beklemmung erwächst. Menschen im Hörsaal. Menschen wie wir? Wirklich? Kein Beifall. Schweigen.
Aro.